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Lesefunde aus archäologischen Ausgrabungen, gibt es das?! Ein römischer Dachziegel der legio XV Apollinaris auf Abwegen – kein Allerweltsfund

Abb. 1. Schematische Darstellung eines Ackers mit archäologischen Befunden. (Foto: M. Guckenbiehl)

Ja, auch von archäologischen Ausgrabungen gibt es Lesefunde! Denn als solche werden alle Funde bezeichnet, die nicht aus archäologischen Befunden stammen. Befunde wiederum sind Spuren menschlicher Eingriffe in den Boden, also Reste von Gräbern, Gruben, Graben, Pfostenlöchern oder ähnlichem. Oft werden Lesefunde am Anfang von Ausgrabungen entdeckt, wenn der Humus vor Beginn der eigentlichen Arbeiten abgetragen wird. Denn manchmal sind die tiefer liegenden Erdschichten samt archäologischer Befunde durch Bodeneingriffe wie Baumaßnahmen oder Ackerbau bereits gestört und die ursprünglich darin erhaltenen Funde mit den darüber liegenden Erdschichten vermischt (Abb. 1). Damit ist das Fundmaterial aus seinem archäologischen Kontext gerissen und man spricht nun von Lesefunden. Diese erzählen manchmal ganz eigene Geschichten.

Abb. 2. Stadtplan Germering mit den bekannten römischen Fundplätzen (blau markiert) und der archäologischen Untersuchungsfläche südlich des Hochrainwegs (rot markiert).

Wenn Ziegelbruchstücke auf archäologischen Grabungen gefunden werden, hält sich die Begeisterung in der Regel in Grenzen. Zu spröde ist diese Fundgattung, deren zeitliche Zuordnung ohne charakteristische Formmerkmale kaum möglich ist. Deshalb wurden auch zahlreiche Ziegelbruchstücke, die im Sommer 2019 bei bauvorgreifenden Maßnahmen südlich des Hochrainwegs im Humusbereich gefunden wurden, zunächst als nicht weiter aussagekräftige Lesefunde zur Seite gelegt (Abb. 2).

Abb. 3. Lesefund Hochrainweg, Germering: Unregelmäßiges Ziegelbruchstück) mit tabula ansata Stempel LEG X(..). (Foto: M. Guckenbiehl, Zeichnung: B. Seeberger)

Umso größer war deshalb die Überraschung, als nach dem Waschen auf einem der Ziegelbruchstücke schwach ein Inschriftenfeld mit den Buchstaben LEG X zu erkennen war (Abb.3). Nun kam doch noch Begeisterung auf, denn schnell war klar, dass es sich bei dem Fund um den gestempelten Dachziegel einer römischen Legion handelt. Völlig unklar war jedoch, wie und wann dieser Fund im Germeringer Norden in die Erde gelangt war. Zwar sind römische Fundstellen aus Germering bekannt, aber es handelt sich dabei ausschließlich um Spuren ziviler Siedlungen. Hinweise auf römisches Militär fehlen vollständig.

Abb. 4. Ein Ziegelstreicher bei der Herstellung eines Dachziegels. Rechts auf dem Arbeitstisch liegt ein geschnitzter Holzstempel zum Markieren der Ziegel. Nach U. Brandl/E. Federhofer, Römische Ziegel. Römische Technik. Schriften des Limesmuseum Aalen (Esslingen am Neckar 2010) 20 Abb.15.

Gebrannte Ziegel gibt es bei uns erst seit der Römerzeit. Nachdem das nördliche Alpenvorland durch den Alpenfeldzug des Augustus im Jahr 15 v. Chr. erobert wurde, erbaute das römische Heer zur Sicherung und Erschließung der neuen Gebiete zahlreiche Straßen, Kastelle und öffentliche Gebäude in zivilen Siedlungen. Der enorme Bedarf an Bauziegeln wurde in Legionsziegeleien von eigens zur Ziegelherstellung abkommandierten Soldaten gedeckt. Ab den 40er Jahren des 1. Jahrhunderts wurde in diesen Legionsziegeleien begonnen, einzelne Ziegel mit dem abgekürzten Namen der jeweiligen Truppe zu stempeln (Abb. 4). Diese Stempel dienten wohl dazu, die Produktion der einzelnen Einheiten zu kennzeichnen und gleichzeitig einen gewissen Qualitätsstandard zu garantieren. Bei archäologischen Grabungen gefundene Ziegelstempel helfen der Forschung nachzuvollziehen, wo und wann einzelne Truppenteile stationiert waren und an welchen Baumaßnahmen sie beteiligt waren.

Abb. 5. Die Provinz Rätien mit Kastellstandorten und Zivilsiedlungen. Blau: Germering. Mit Veränderungen nach W. Czysz, Zwischen Stadt und Land Gestalt und Wesen römischer Vici in der Provinz Raetien. In: A. Heising (Hrsg.), Neue Forschungen zu zivilen Kleinsiedlungen (vici) in den römischen Nordwest-Provinzen. Akten der Tagung Lahr 21. - 23.10.2010 (Bonn 2013) 261 - 377.

Das Ziegelfragment aus dem Germeringer Norden gehörte ursprünglich zu einem Dachziegel, einer sogenannten tegula. Der nur teilweise erhaltene Stempel auf dem Ziegelfragment lässt sich anhand von Vergleichsfunden zu LEG XV APOL ergänzen und damit der legio XV Apollinaris zuweisen. Diese wurde bereits um das Jahr 40 v. Chr. unter Augustus gegründet und war mit einer kurzen Unterbrechung von 14 – 117/118 n. Chr. östlich von Wien im Legionslager Carnuntum, dem heutigen Bad Deutsch Altenburg an der Donau stationiert, bevor sie nach Kappadokien in der heutigen Türkei verlegt wurde. Gestempelte Ziegel kennt man von der 15. Apollonischen Legion nur aus den Jahren an der Donau, in denen sie an zahlreichen Bau- und Umbaumaßnahmen im Umkreis von 100 km um ihr Legionslager beteiligt war. Leider lassen sich die dort produzierten Ziegel nur allgemein in den Zeitraum von 40 – 118 n. Chr. datieren, also vom Aufkommen der Stempelsitte auf Ziegeln bis zum Abzug der legio XV Apollinaris aus Carnuntum im Jahre 117/118 n. Chr. In diesem Zeitraum muss auch das in Germering gefundene Ziegelfragment dort hergestellt worden sein. Zunächst bestimmungsgemäß zum Decken eines römischen Daches verwendet, wurden zumindest Bruchstücke des Dachziegels später sekundär vermauert. Dafür sprechen Mörtelreste an den Bruchkanten des Ziegelfragments. Wo und wann die entsprechenden Gebäude gestanden haben, ist jedoch nicht mehr zu klären. Unklar bleibt auch, wie das Fundstück nach Germering gekommen ist. Für den fraglichen Zeitraum gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass hier oder im näheren Umfeld römische Truppen stationiert waren (Abb.5).

Legionsziegeleien belieferten auch zivile Gutshöfe mit Baumaterial. Diese lagen immer in der Nähe der Kastellplätze, da die Villen zur Versorgung der Truppen beizutragen hatten. Schon aufgrund der Entfernungen ist es demnach auszuschließen, dass das Ziegelbruchstück mit dem Stempel LEG XV APOL als Teil einer regulären Materiallieferung der legio XV Apollinaris von Carnuntum an der Donau bis hierher ins ländliche Hinterland der damaligen Provinz Rätien gelangte. Man kann also nur spekulieren, ob der Ziegel in jüngster Zeit mit einem Antikensammler aus dem Raum Bad Deutsch Altenburg bei Wien in die Münchner Schotterebene kam und aus ungeklärten Gründen – vielleicht aus schlechtem Gewissen ob des Antikenraubs - auf einem Acker im Germeringer Norden landete oder doch bereits in der Antike als Erinnerungsstück, vielleicht auch als Ballast auf einem Frachtkarren bis hierher gelangte. Das bleibt der Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen überlassen!

Derzeit gibt es eine Sonderausstellung zum Thema "Spuren im Acker - Bodenschätze erzählen Geschichte"

Der Förderverein Stadtmuseum Germering präsentiert eine neue Sonderausstellung. Es handelt sich um "Lesefunde", die Anita Jensen in ehrenamtlicher Tätigkeit auf den Germeringer Äckern von 1994 bis 2007 gesammelt und dem Stadtmuseum Germering als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat.

Bei diesen "Lesefunden" handelt es sich um archäologische Fundstücke aus allen Epochen von der Steinzeit bis heute, die im Laufe der Geschichte an die Oberfläche gelangten und so "aufgelesen" werden konnten.

Die von A. Jensen gesammelten 24.000 Einzelobjekte wurden vom Archäologen Bernhard Zirngibl wissenschaftlich bearbeitet. Anschließend hat eine Arbeitsgruppe des Fördervereins die aussagekräftigsten Funde ausgewählt und teilweise durch Artefakte ergänzt, um sie der Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Zu sehen ist die Sonderausstellung von 23. Juli bis 15. Oktober 2023 zu den regulären Öffnungszeiten, jeweils sonntags von 13 bis 17 Uhr, im Stadtmuseum Germering (hinter dem Rathaus), Domonter Straße 2.

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